Vegan ABC: G„Och nö..“ murrt mein innerer Schweinehund. „Ab jetzt nur noch ökofairvegane Kleidung? Das kann ja kein Mensch aussprechen dieses Wort.“ Er trägt heute mit Stolz sein Lieblingshalsband, auf dem die Worte „Bequemlichkeit“, „Eitelkeit“ und „Ignoranz“ prangen. „Und ich seh’s schon vor mir: Du wirst nur noch in Jutehemd und Batikhose rumrennen. Zur Beendigung deines Single-Daseins wird das nicht gerade beitragen…“ Ich werfe ein zusammen geknülltes altes Paar Socken nach ihm, das ich gerade aus meiner Wäscheschublade ausmiste. „Dass ich dir immer alles dreimal erklären muss“, entgegne ich. „Erstens ist deine Sorge um mein Liebesleben völlig unbegründet. Zweitens ist die Zeit, in der ökologisch und fair produzierte Kleidung aus Jutehemd und Batikhose bestand, schon lange vorbei. Es gibt jede Menge tolle Labels, die umwerfende Mode kreieren. Und drittens: Schon mal was davon gehört dass man Menschen nicht nur nach ihrem Äußeren beurteilen sollte?“ Mein innerer Schweinehund stupst mit der Nase gegen das Sockenknäuel und es rollt wieder vor meine Füße. „Na wenn das so ist, Herzchen“ sagt er und grinst hämisch, „dann kannst du diese ausgewaschenen und löchrigen Socken auch stopfen und weiterhin tragen.“

Seitdem ich mich vegan ernähre, führen mein ökologisch-soziales Gewissen und der Schweinehund ständig solche und ähnliche Diskussionen. Denn seit jenem Zeitpunkt habe ich vor allem eins gelernt: Dinge zu hinterfragen. Und zu hinterfragen. Und wieder zu hinterfragen. Und auch wenn ich meinen ethisch-moralischen Standpunkt kenne, geht mir das manchmal wirklich richtig auf die Nerven.

Nachdem ich damit aufgehört hatte, gedankenlos Lebensmittel zu kaufen und meine heile Bio-Bauernhof-Ernährungswelt zusammen gebrochen war, folgte bald der nächste Schritt: Ich fing an mein generelles Konsumverhalten zu hinterfragen. Und stellte bestürzt fest, wie viele Produkte wir tagtäglich kaufen, die der Umwelt, den Tieren, den Menschen und der Erde massiven Schaden zufügen. Seitdem kann ich nichts mehr kaufen, ohne mich auch zu fragen: Wo wurde es hergestellt? Von wem? Unter welchen Bedingungen? Welchen Preis bezahlen andere durch meinen Kauf? Es ist eine Schleife die in meinem Kopf ständig durchläuft, egal ob ich eine Banane, ein Notebook, Schuhe, Bettwäsche oder eine Bratpfanne kaufe. Bei manchen Sparten wie Bekleidung oder Textilien im Allgemeinen ist es im Verhältnis noch einfach, fair gehandelte und nachhaltig produzierte Ware zu bekommen. Aber wie ist es mit technischen Geräten? Küchenutensilien? Bilderrahmen? Musikinstrumenten? Seit geraumer Zeit denke ich über die Anschaffung einer Zitronenpresse nach, habe mich aber noch nicht getraut, die Worte „Zitronenpresse“ und „fairtrade“ in die Suchmaschine einzutippen, weil ich befürchte, dass aus dem Lautsprecher des Laptops kurz danach ein irres Lachen ertönen wird.

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Es fällt mir grundsätzlich nicht schwer, meiner Moral zu folgen und auch entsprechenden Aufwand zu betreiben. Oder eben auch mal auf einen Kauf zu verzichten. Aber manchmal, nur manchmal, da wünsche ich mir ein klein wenig heile Konsum-Welt zurück. Da möchte meine Eitelkeit den schönen Rock, den ich im Schaufenster sehe, einfach anprobieren und kaufen. Da hat meine Bequemlichkeit einfach keine Lust mehr, stundenlang im Internet nach fair gehandelten Socken zu suchen. Und manchmal ergreift meine Ignoranz das Wort und ruft mir zu, ich solle doch auch endlich mal wieder an mich denken und so abstrakte Begriffe wie Umwelt, Ökologie und Nachhaltigkeit aus meinem Wortschatz verbannen.

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Wenn das passiert versuche ich mich wieder auf die Gründe für mein Handeln zu besinnen. Niemand zwingt mich schließlich zu meinem ethisch-moralischen Standpunkt; den habe ich mir schön alleine überlegt. Und ich versuche mir auch Ausnahmen zu erlauben – auch wenn es ganz ohne schlechtes Gewissen nicht geht. Das Notebook zum Beispiel, auf dem ich diese Zeilen schreibe, ist weder fair gehandelt noch besonders ökologisch. Weil einfach kein einziges Notebook auf diesem Planeten diese Kriterien erfüllt. Ich brauche aber eins. Punkt. Und so habe ich zumindest keins von Lidl und auch bei keinem der großen Elektronik-Märkte gekauft. Wer das Teil zusammengeschraubt hat und ob er dafür fair bezahlt und behandelt wurde weiß ich trotzdem nicht. Ich muss es aber in Kauf nehmen.

Und so kommt auch manchmal der innere Schweinehund halbwegs zu seinem Recht. Obwohl: Neulich hat er mich gefragt, wo denn sein Halsband hergestellt wurde. Immerhin ein Anfang.

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PS: Ich habe es dann doch noch gewagt und diese tolle Zitronenpresse aus Olivenholz gefunden. Man muss es nur einfach mal probieren.