Iris Radisch und Eberhadrd Rathgeb Wir haben es satt!: Warum Tiere keine Lebensmittel sindWir haben es satt – Warum Tiere keine Lebensmittel sind“ heißt das von Iris Radisch und Eberhard Rathgeb im Residenz Verlag herausgegebene Buch, welches Texte von Elias Canetti, Mahatma Gandhi, Robert Musil, Peter Singer, David Foster Wallace, Peter Sloterdijk und vielen weiteren Autoren versammelt. Der rote Faden ist die immer wieder aufgegriffene Frage: „Wer darf wen töten und warum?“.

Die Herausgeber wollen mit den im Buch versammelten Texten zeigen, dass es keine guten, keine stichhaltigen Gründe gibt, Tiere zu essen. Dabei kommen die Autoren der Texte nicht oder nur vereinzelt beispielsweise aus der Tierschutzbewegung, sondern sind vor allem Philosophen und Schriftsteller (die meisten von ihnen Vegetarier), was das das Buch vielleicht sogar besonders interessant macht.

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Recht auf Unversehrtheit – nur für Menschen?

In ihrem Vorwort zeichnen die Autoren noch einmal nach, warum wir in einer „fleischessenden Welt“ leben, dass Fleischverzehr gar als „Kulturtechnik“ gilt, die „so tief im Unbewusstsein verankert ist, dass Zweifel an ihrer Berechtigung bis vor wenigen Jahren als sektierisch und verrückt galten“. Doch das Bild wandele sich: Waren Vegetarier früher Aussenseiter, kommt der Vegetarismus immer mehr in der Mitte der Gesellschaft an, gerät diese alte Weltordnung, die besagt dass ein Tier minderwertig und zum Sterben bestimmt ist, zunehmend ins Wanken. Gleichwohl lässt der weltweite Fleischkonsum nicht nach, im Gegenteil, er steigt sogar noch weiter an.

„Das Ergebnis [u.a. durch die Arbeit der christlichen Kirche, Anm. d. Red.] war ein den kommenden Generationen womöglich nur schwer zu erklärender Geltungsunterschied zwischen Mensch und Tier: Der Mensch genießt das Recht auf leibliche Unversehrtheit, während das Recht, das er den Tieren einräumt, lediglich darin besteht, dass ihnen, vor der der Zerstückelung und Ausweidung, ein Metallbolzen den Schädel spaltet und sie, an einem Haken kopfüber aufgehängt, durch ein elektrisches Wasserbad gezogen werden“, so fassen die Herausgeber es mit einem krassen aber realistischen Bild zusammen, worin wohl ein elementares Problem allen Leids liegt: Im Ausdruck des Speziesismus, wie ihn Peter Singer in seinem Buch Animal Liberation vor vielen Jahren bezogen auf das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren geprägt hat.

 Bio, Umwelt, Teilzeitvegetarier – reicht das?

Auch wenn Menschen aus gesundheitlichen Gründen oder für weniger Umweltschäden auf Fleisch verzichten, nur Bio-Fleisch kaufen oder Teilzeitvegetarier sind, so ist dies ein Schritt in die richtige Richtung, aber die quälende Frage bleibt, so die Herausgeber: „Doch dieser moderne sanfte und biologisch korrekte Carnivorismus drückt sich um die Frage, wer uns jemals das Recht gab, andere schmerz- und angstempfindliche Lebewesen zu töten, nur um sie zu essen. Auch eine glücklich und artgerecht gehaltene Kuh besitzt Überlebensinstinkte wie ein Mensch und möchte ihren Schädel nicht von einem Stahlbolzen zertrümmern lassen. Sie wird getötet, weil Menschen ihr Fleisch essen möchten. Wissen sie nicht, was sie da tun? Kann man sie nicht davon überzeugen, dass Tiere nicht etwas sind, das man essen darf?“ so fragen die Herausgeber in ihrem Vorwort und lassen in der Folge 32 Texte lang viel Kluges dazu antworten.

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Einstiegsbuch in den Veganismus? Eher nein.

Die Herausgeber haben die Texte jedoch nicht zusammenhanglos hintereinander gehängt, vielmehr leiten sie in „Wir haben es satt!“ die jeweiligen Texte kommentierend ein, und stellen so nicht nur eine Verbindung der Texte untereinander her, sondern liefern „nebenbei“ eine ganze Reihe interessanter Hintergrundinformationen, der die dazugehörigen Texte noch deutlich verständlicher macht durch die Einordnung in einen gesellschaftshistorischen Kontext.

Trotzdem: „Wir haben es satt!“ ist aufgrund der getroffenen Auswahl und Autoren aus ganz unterschiedlichen Zeiten und Lebenswelten ein ambitioniertes und anspruchsvolles Buch, das man nicht mal eben so „weglesen“ kann. Das Investieren von Konzentration lohnt sich meiner Meinung nach aber. Nicht unbedingt ein Buch zum einfachen Einstieg in den Veganismus, aber ein Buch, dass jedem – gerade omnivor lebenden Menschen – der sich eingängiger mit der Ethik des Tiere essens beschäftigen möchte, wertvolle Inputs und Diskussionsgrundlagen bietet.

Iris Radisch/Eberhard Rathgeb – Wir haben es satt! Warum Tiere keine Lebensmittel sind. Residenz Verlag 2011, 259 Seiten.