Bewohner der hochentwickelten Industriestaaten konsumieren im Durchschnitt rund  220 Gramm Fleisch pro Tag. Das sind 80 Kilogramm im Jahr. Der deutsche Jahresdurchschnitt liegt sogar bei 83 Kilogramm. 

Die so genannten Entwicklungsländer kommen pro Mensch und Jahr immerhin noch auf eine Menge von 28 Kilogramm. Die ärmsten Menschen der Welt verzehren bis zu 9 Kilogramm Fleisch im Jahr. (Quelle: Weltagrarbericht 2009)

Wir müssen Wege aus der Krise suchen 

Neben allen klimatischen und gesundheitlichen Problemen die dieser Konsum nach sich zieht und neben der Tatsache, was dies für die Tiere bedeutet, haben wir noch ein weiteres Problem: Über eine Milliarde Menschen (2009 veröffentlichte die BBC erstmals diese Zahl) auf der Welt hungern. Es ist klar, dass wir Wege aus der Krise suchen müssen. Aber anstatt weltweit den Konsum einzustellen oder ihn wenigstens zu reduzieren, werden bereits seit Jahren Forschungen zum Thema „In-Vitro-Fleisch“ (Kunstfleisch) finanziert. Mittlerweile mit „vorzeigbaren“ Ergebnissen. Begonnen hat alles 2001 im Auftrag der NASA, die ein Team um Wissenschaftler Vladimir Mironov (Medical University of South Carolina in Charleston)  damit beauftragte, alternative Proteinversorgung auf Langzeit-Weltraumflügen zu erforschen. Mittlerweile arbeiten Forscher weltweit an der Weiterentwicklung des noch immer nicht profitablen Verfahrens. Wie viele Forschungsgelder dabei bereits investiert wurden, mag man sich kaum vorstellen.

Die Gretchenfrage

Aus moralischer Sicht ist ein Szenario besonders interessant: Würden Veganer Fleisch essen, wenn dieses nicht aus einem Tier, sondern aus einer Nährlösung stammen würde? Hier ein positiver Film darüber von der Website http://www.meatthefuture.org/:

Foodmatic Personal Mixer PM1000

Meat The Future from Beckmans College of Design

Ich habe selbst lange darüber nachgedacht, wie ihr meiner Einleitung aber schon entnehmen könnt, stehe ich solchen Überlegungen äußerst kritisch gegenüber und sehe darin nicht viel mehr als die Angst der Menschen vor dem Verlust ihrer erlernten und als sicher empfundenen Ernährungs- und Lebensweisen. Auch wenn ich theoretisch lieber ein Schnitzel aus Retortenfleisch als eines vom echten Tier auf dem Teller eines Fleischessers sehen würde: Künstlich gezüchtetes Fleisch wäre für mich ein No-Go. Wir müssen andere Wege einschlagen, um die Welt vor Hunger und Klimakatastrophen zu retten.

Um herauszufinden, was andere Menschen über In-Vitro-Fleisch denken, habe ich im DIV-Bloggernetzwerk genau diese Frage gestellt. Hier die Meinungen zum Thema:

Katja visionvegan„Fleisch aus dem Reagenzglas? Nein danke. Zum einen finde ich den Gedanken, Lebensmittel zu konsumieren, die im Labor gezüchtet wurden, generell gruselig, ob es sich dabei nun um pflanzliche oder tierische Produkte handelt. Zum anderen maskiert die Debatte um In-Vitro-Fleisch nur die wirklichen Lösungsansätze im Kampf gegen den Hunger auf der Welt und suggeriert den Menschen, dass wir ja doch Fleisch bräuchten, um diesen zu bekämpfen. Forschungsgelder und mediale Aufmerksamkeit sind in weit wirksameren Strategien wie die Förderung der veganen Idee, eine bessere Verteilung der Nahrungsmittel und eine weitere Entwicklung pflanzlicher Fleischalternativen besser angelegt.“

Birdie von Food’n’Fotos: „Nein, ich werde nie wieder Fleisch essen, auch dann nicht, wenn es im Reagenzglas „gezüchtet“ wurde und das aus einem einfachen Grund: Ich bin der Überzeugung, dass die vegane Lebensweise nicht nur die ethisch, moralisch und ökologisch korrekte ist, sondern ich glaube auch, dass es die gesündeste ist. Die Entwicklung von Reagenzglas-Fleisch empfinde ich nicht als bedrohend und auch nicht moralisch verwerflich, aber eine Lösung für irgendwelche Probleme, außer für den tierethisch korrekten Fleischgenuss, ist es auch nicht. Ich finde es also einfach überflüssig und ehrlich gesagt auch ziemlich ekelig.“

Lena von A very vegan Life„Mittlerweile lebe ich seit vier Jahren vegan und kann sagen, dass mir Fleisch nie gefehlt hat. Auch versuche ich mich möglichst natürlich zu ernähren, d.h. ohne Zusatzstoffe u.ä. auszukommen. Der Konsum von Fleisch aus dem Reagenzglas wäre somit ein klarer Widerspruch und daher stellt dieses Fleisch für mich persönlich keine Alternative dar. Gesamtgesellschaftlich betrachtet muss auch die Frage der Ethik betrachtet werden und zudem ist es fraglich, ob auf diese Weise, durch diese Alternative, tatsächlich Welthunger und Tierleid vermindert werden können. Auf Grund der genannten Dinge bin ich daher noch ein wenig hin- und hergerissen, was ich von Fleisch aus dem Reagenzglas überhaupt halten soll.“

Julia von Mixxed Greens„Nein, ich würde kein Fleisch essen, das aus dem Reagenzglas kommt. Zum einen verzichte ich als überzeugte Veganerin sowieso auf nichts, was mir schmeckt und was gesund für mich ist. Deswegen brauche und möchte ich überhaupt kein Fleisch, egal woher es kommt. Zum anderen erschreckt mich der Gedanke an einen riesigen sterilen Raum voller an Gittern wachsender Zellhaufen; und das nicht nur, weil es extrem unnatürlich (und unnötig) ist, sondern auch, weil ich hier die gleichen Probleme wie in der Massentierhaltung sehe: Wachstumshormone, genetische Modifikationen der Zellen, Desinfektionsmittel, Dekontaminationslösungen und viele andere Chemikalien, damit die Zellhaufen sich überhaupt zu einem „Steak“ entwickeln können und nicht vorher schon sterben. Dann doch lieber weiterhin Gemüse, Nüsse und Obst!“

Kathrin von Kongruentes Chaos„Mich irritieren oft schon die manchmal ellenlangen Zusatzlisten von veganem Käse. Ich möchte nicht wissen was man alles anstellen muss, um künstliches Fleisch so real wirken zu lassen. Ich denke nicht, dass ich ein industriell so stark bearbeitetes „Lebensmittel“ (Wobei es mit „Leben“ wohl nicht mehr viel zu tun hätte) zu mir nehmen wollen würde. Abgesehen davon stehe ich Fleischersatz der versucht Fleisch möglich naturnahe nachzuahmen sowieso skeptisch gegenüber und esse ihn nur selten. Wieso sollte ich etwas essen, das genauso aussieht wie etwas, das ich nicht essen will?“

Claudi von Claudi goes VeganNein, weil ich schon Fleischimitate nicht mag- vegane Hühnchen Nuggets, vegane Schnitzel, vegane Braten bleiben im Regal stehen. Ich brauche das alles nicht, denn mir fehlt Fleisch kein bisschen – nach 20 vegetarischen Jahren :)

Patrick von Deutschland is(s)t vegan: Viele Menschen wollen kein Reagenzglas-Fleisch essen, weil sie es „eklig“ finden. Verständlich. Aber der Großteil dieser Menschen isst – ohne dieses jemals zu hinterfragen – Tiere, die erbärmlich gehalten, transportiert, mit Medikamenten und genmanipuliertem Soja vollgestopft, gequält und im jungen Alter, ohne jemals die Sonne gesehen zu haben, geschlachtet wurden. Was ist da ekliger frage ich mich und weiß die Antwort. Ich versuche das ganze fair und differenziert zu sehen: Würden die Menschen wirklich auf In-Vitro-Fleisch „umsteigen“? Wie teuer und aufwändig ist die Herstellung? Und was passiert da eigentlich letztlich? Es wird Fleisch „nachgebaut“, also ein Produkt das für sehr viel Grausamkeiten steht. Wofür eigentlich? Wir können uns alles, was wir zu einem gesunden Leben brauchen, aus pflanzlichen Quellen besorgen (die wir in ausreichender Menge anbauen können), dazu brauchen wir kein In-Vitro-Fleisch. Und für ein ähnliches „Geschmackserlebnis“ gibt es doch bereits jetzt sehr gute Alternativen. Das Geld, das in die Forschung für dieses tatsächlich eklige Zeug ausgegeben wird, wäre besser angelegt wenn es dazu beitrüge, die Menschen besser aufzuklären, für eine pflanzliche Ernährung zu werben, die niemanden weh tut, keinen Welthunger mitverschuldet, keine Umweltprobleme verursacht, nicht das Klima killt, köstlich ist und uns gut versorgt.

Die Meinung der DIV-Blogger fällt einhellig aus. Aber was denkt ihr? Kommentiert hier unter dem Beitrag eure Meinung zum In-Vitro-Fleisch. Übrigens: Auf der Veggie-World in Wiesbaden wird es am 25. Februar 2012 einen Vortrag zum Thema geben:

„Würden Sie anfangen Fleisch zu essen wenn…? Fleisch aus dem Reagenzglas“ von Prof. Mark J. Post

Einen Bericht der Tagesschau zum künstlichen Fleisch aus dem Jahre 2008 könnt ihr hier sehen.