Vegan ist bunt. Vegan ist vielfältig. Vegan ist spannend, von A bis Z. Heute geht es weiter mit der Serie „The Vegan ABC“. In Zukunft werdet ihr alle 14 Tage – jeden zweiten Dienstag – über ein Thema aus der veganen Welt lesen, ob über „B-Vitamine“ bei B, „Genuss“ bei G oder „Zukunft“ bei Z. Viel Spaß!

 

The Vegan ABC – M wie… meine Milch!

Mein Papa hatte früher eine lustige Art auszudrücken, wenn er sich auf etwas Leckeres besonderes freute. Zumindest fanden meine Schwestern und ich das – als wir noch kleiner waren. Er sagte dann immer „Ich brat‘ MIR jetzt…“ oder „Ich koch‘ MIR jetzt…“ , und dann folgte das Lebensmittel seiner Wahl. Ich glaube wir fanden das irgendwie seltsam, weil er das „mir“ so betonte. Heute denke ich dass er damit nur seine ganz persönliche Freude am Essen vermittelte. Er würde selbst das Essen zubereiten, er würde es nur für sich machen, und er würde es danach mit Genuss zu sich nehmen (immer bereit uns etwas abzugeben). Sein Ausspruch hatte mit Lust zu tun, mit Vorfreude, mit Individualität.

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Seit dieser Zeit war mir die Verwendung eines „besitzanzeigenden Fürwortes“ wie „mein“, „dein“ in Zusammenhang mit Nahrungsaufnahme irgendwie ans Herz gewachsen. Ich fand sie schon lange nicht mehr seltsam – im Gegenteil. Bis ich Veganerin wurde. Plötzlich bekam das hübsche Possessivpronomen einen faden Beigeschmack.

Meine Milch? Mein Fleisch?

Warum? Weil plötzlich unglaublich viele Menschen der Meinung zu sein scheinen, ich wolle ihnen etwas wegnehmen. „Du kannst mir MEIN Fleisch nicht madig machen!“ oder „MEINE Milch lass ich mir aber nicht ausreden!“ Ich würde mich dann immer gerne dumm stellen und fragen: „Deine Milch? Ich wusste noch gar nichts davon, dass du stillst! Und wie bitte, sollte ich dir deine Milch dann ausreden…versteh‘ ich nicht.“ Oder: „Dein Fleisch? Meinst du das am Bauch oder das an den Oberschenkeln?“ Da man als Veganerin aber eh so wenig Freunde hat, und ich die letzten nicht auch noch verlieren will, verkneife ich mir das lieber. Und amüsiere mich heimlich. Allerdings mit ein wenig Herzschmerz.

Warum verwenden so viele Esser das Wort „mein“, wenn es um ihre Ernährungsgewohnheiten geht? Ich habe weder Psychologie studiert noch eine naturgegebene Begabung, die tiefsten Beweggründe meiner Mitmenschen zu verstehen, also kann ich nur vermuten. Vielleicht gehe ich einfach zurück zu den Motiven, von denen ich glaube, dass sie damals meinen Papa bewegten.

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Lust. Vorfreude. Individualität.

Lust. Vorfreude. Individualität. Essen ist nicht nur schlichtweg die Befriedigung eines Grundbedürfnisses. Das haben wir sicher alle schon selbst am eigenen Leib erfahren. Essen macht Spaß. Essen ist Gemeinschaft. Essen ist Seelentröster. Essen ist Lieblingsessen. Wir definieren uns gern über das, was wir essen. Über das, was wir gerne essen. Über das, was wir nicht essen. Wir haben Kindheitserinnerungen, romantische Erinnerungen, unangenehme Erinnerungen ans Essen. Wir erzählen gern vom Essen. Fragen uns: Und, was gab’s zu Essen? Darf ich dich zum Essen einladen? Essen wir zusammen? Essen und unser Verhältnis dazu ist so individuell wie unsere Persönlichkeit. Und wenn jemand etwas an uns persönlich auszusetzen hat, reagieren wir gekränkt. Fangen an uns zu verteidigen. Oder gehen in die Offensive.

Und ähnliche Reaktionen sind zu erwarten, wenn ich als Veganerin versuche, Überzeugungsarbeit zu leisten. Dann kommt nicht etwa beim Gegenüber an: Hey, die will mir eigentlich nur ein paar Denkanstöße geben. Sondern: Bah, die will mir die guten Erinnerungen an die reich gedeckte Sahnekuchentafel bei meinen Großeltern wegnehmen. Und dazu noch die Vorfreude auf die nächste Grillparty. Und den leckeren Latte Macchiato darf ich jetzt auch nicht mehr genießen, oder was? Lass mir doch mein Fleisch! Lass mir doch meine Milch! Lass mir doch meine Individualität!

Das würde ich ja auch gerne. Und da ich niemanden zwingen kann, tue ich es letztendlich auch. Aber ich habe für mich begriffen: Individualität hat auch Grenzen. Nämlich dort, wo ich der Welt, den Tieren, anderen Menschen unverhältnismäßig großen Schaden zufüge. Einen Schaden, der schwerer wiegt als meine Angst, vielleicht meine Individualität neu zu definieren.

Ein neues MEIN

Denn das ist das ganze Geheimnis: Ich finde ein neues MEIN. Meine Erinnerungen an Kaffeetafeln werden nicht dadurch getrübt, dass ich jetzt veganen Kuchen esse. Die Grillparty geht auch gut mit lieben Leuten, Gemüse und Tofuspießen. Und Latte Macchiato schmeckt – oh Wunder – auch mit Pflanzenmilch. Meine Individualität habe ich nicht verloren – ich habe sie nur verlagert. Und mit diesem Bewusstsein kann ich es auch ertragen, wenn mal wieder jemand sagt: „Du mit deinem Veganismus!“ Denn dann kann ich erhobenen Hauptes sagen: „Ja, es ist MEIN Veganismus. Aber ich bin ja nicht eigen – wenn du willst, kann es auch bald DEINER sein.“