Vegan ist bunt. Vegan ist vielfältig. Vegan ist spannend, von A bis Z. Heute geht es weiter mit der Serie „The Vegan ABC“. In Zukunft werdet ihr alle 14 Tage – jeden zweiten Dienstag – über ein Thema aus der veganen Welt lesen, ob über „B-Vitamine“ bei B, „Genuss“ bei G oder „Zukunft“ bei Z. Viel Spaß!

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The Vegan ABC – I wie… Igitt!

Wann habt ihr euch das letzte Mal vor etwas so richtig geekelt? Nicht das kleine Naserümpfen, sondern das große flaue Gefühl im Magen?

Ich muss gestehen, dass meine Reizschwelle hier ziemlich hoch ist, und so liegt das letzte wirklich bedeutsame Ekel-Erlebnis schon ein paar Jahre zurück. Mein damaliger Freund und ich fanden unter der Motorhaube unseres Autos eine leider tote Amsel. Keine Ahnung wie sie dort hin gelangt war, aber sie hatte schon einige Tage durch einen beißenden Geruch auf sich aufmerksam gemacht. Kleine weiße Maden wanden sich auf ihrem Körper. Mein Freund konnte den Geruch kaum aushalten, und ich ertrug es nicht hinzusehen (eher wegen der Maden als wegen des verwesenden Amsel-Körpers). So hielt er sich die Nase zu, ich sah nicht hin, und mit vereinten Kräften und den uns jeweils noch zur Verfügung stehenden Sinnen schafften wir es, den armen Vogel in ein nahes Gebüsch zu verfrachten.

Ekel ist angeboren, beruht aber auch auf Erfahrung. Der Ekel vor verwesenden Tierkörpern schützt uns davor, die entstehenden Giftstoffe zu uns zu nehmen. Andererseits werden die wenigsten Teile eines getöteten Tieres unmittelbar verzehrt, sondern in unterschiedlichen Prozessen mehr oder weniger lang „haltbar“ gemacht. Dass es sich streng genommen dabei trotzdem schon um Aas handelt, kann man ja mit Begriffen wie „abgehangen“, „Fleischreifung“ oder „Kühlkette“ schön überspielen. Die Erfahrung lehrt einfach die meisten von uns, dass wir durch den Verzehr dieses Fleisches nicht – zumindest nicht unmittelbar – ins Gras beißen müssen.

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Wir wachsen mit Fleischtheken hinter Glas auf, die ihre Ware mit Lampen und Luftbefeuchtern appetitlich wirken lassen (wollen). Werbeblättchen garnieren das Mett in ihrer Anzeige mit Petersilie und den Fisch mit Zitronenscheiben. Und damit die Wurst nicht grau aussieht, wird sie gepökelt. Graue Wurst will der Verbraucher nämlich nicht – warum wohl? Alles wirkt frisch, hygienisch und – Verzeihung – gesund. Wir gewöhnen uns den Ekel einfach ab – oder entwickeln ihn erst gar nicht. Der Gedanke an Tod und Verwesung kommt erst recht nicht auf. Dafür, dass das so bleibt, wird einiges getan – man denke nur an die heile Welt der Werbung für Tierprodukte. Und dass gerade Fleisch-, Fisch- und Käsetheken als „Feinkost-Theken“ bezeichnet werden, ist purer Zynismus. Kennt ihr das Wort „Fleisch-Manufaktur“? Echtes, ehrliches, altes Handwerk – wird vermittelt. Oh, wie gern der Konsument sich doch täuschen lassen will.

Warum sind wir in unserem Vermögen uns zu ekeln so seltsam zwiegespalten? Hilal Szegin hat darüber einen Artikel geschrieben: „Nein, bitte keine Muttermilch im Kaffee“. Sie beschreibt unterhaltsam die Doppelmoral, die die meisten Menschen in ihrem Verhältnis zu Tieren und den aus ihnen hergestellten Produkten an den Tag legen. Manchmal kommt es mir ein wenig vor wie Gehirnwäsche: Warum ist Milch für die meisten einfach nur Milch? Und nicht die Muttermilch eines weiblichen Rindes? Warum werden die in Styropor und Zellophan verpackten Hähnchenkeulen im Supermarkt nicht als Leichenteile wahrgenommen? Weil es „nur“ Tiere sind? Selbst bei mir wirken Erziehung, Werbung und gesellschaftliche Norm immer noch nach: Die mit Fleisch gefüllten Kühlschränke im Supermarkt machen mich traurig und wütend, und sie stoßen mich ab, aber ich ekele mich nicht vor ihnen.

In einem Artikel einer Wochenzeitung ging es darum, dass Fleisch essende Menschen mehr Spaß am Essen hätten als Vegetarier (was ungefähr genauso der Wahrheit entspricht wie die Theorie, dass Kaffeetrinker besseren Sex haben als Teetrinker). Darin las ich die Behauptung, dass sich Veganer und Vegetarier den Ekel vor tierischen Produkten antrainiert hätten. Ich bin der Meinung, dass es genau umgekehrt ist. Die meisten haben verlernt sich zu ekeln. Sie blenden die Herkunft dessen, was sie da auf dem Teller haben, völlig aus. Und es wird ihnen ja auch leicht gemacht. Nur wenn ein Veganer mit am Tisch sitzt, kann es schon mal schwierig werden mit dem Verdrängungsprozess.

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Neulich unterhielt ich mich mit einem Bekannten über Fleischalternativen. Die Sprache kam auf Tofu. „Tofu? Igitt. Das ist mir zu eklig.“ Ich fragte ob er denn schon einmal Tofu gegessen habe. Ja, nein, eigentlich nicht. Sei aber trotzdem eklig.

Ja nee. Alles klar.

Guten Appetit.

 

 

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