Vegan ist bunt. Vegan ist vielfältig. Vegan ist spannend, von A bis Z. Heute geht es weiter mit der Serie „The Vegan ABC“. In Zukunft werdet ihr alle 14 Tage – jeden zweiten Dienstag – über ein Thema aus der veganen Welt lesen, ob über „B-Vitamine“ bei B, „Genuss“ bei G oder „Zukunft“ bei Z. Viel Spaß!

 

Vor knapp zwei Jahren passierte etwas, das mein Leben nachhaltig verändern sollte. Eigentlich war es keine große Sache – im Gegenteil. Mir fiel ein Buch in die Hände, oder besser gesagt in die Augen (heute stöbert man ja nicht mehr im Buchladen, sondern online). Ich weiß auch gar nicht mehr genau, wie ich darauf stieß, und rückblickend interpretiere ich es als das kleine Quäntchen Schicksal, das so oft unser Leben bestimmt, zumindest meines anscheinend. Es war „Eating Animals“ von Jonathan Safran Foer.

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Ich sah dort auf der Webseite das grüne Cover mit den kleinen schwarzen Tiersilhouetten und es blinkte mir entgegen und sagte: Lies mich! Lies mich! Lies mich! Dabei brauchte es diese Anstrengung gar nicht zu unternehmen, denn ich wusste schon längst, dass ich es lesen wollte. Musste. Viel zu lange schwamm ich schon als Halbzeithalbherzbiofleischvegetarierin gegen den oder auch mit dem Strom, und hatte doch das unbestimmte Gefühl, dass mein Gewissen damit noch lange nicht einverstanden war. Jetzt wollte ich es. Ich wollte Fakten. Tatsachen. Wissen. Was ich bisher selbst nicht geschafft hatte, sollte dieses Buch tun. Mich davon überzeugen, dass Fleischverzehr so falsch ist wie etwas nur falsch sein kann. Ich wollte Vegetarierin werden. So wie manche Menschen plötzlich wissen, dass sie Papa werden wollen. Oder Bundespräsidentin.

Sozial verträglich, sozial verantwortlich

Ich bestellte das Buch. Der Rest war einfach. Schon nach einem Dutzend Seiten war mir klar: Nie wieder Fleisch, nie wieder Fisch. Ich hatte den kleinen Schubs bekommen, den ich brauchte. Dafür bin ich Buch und Autor sehr dankbar – und für viele weitere wunderbare Gedankenanstöße, die mir „Eating Animals“ gegeben hat. Auch auf dem Weg zur Veganerin haben mir diese einen großen Dienst erwiesen. J. S. Foer stellt in seinem Buch viele Fragen – und lässt viele von ihnen bewusst offen. Eine davon ist mir besonders in Erinnerung, und sie begleitet mich nach wie vor, weil sie mir immer wieder hilft, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Sie lautet: Wollen wir uns sozial verträglich verhalten? Oder sozial verantwortlich?

Sozial verträglich möchte im Grunde genommen jeder Mensch sein. Wir brauchen die Einbindung in eine Gruppe, das Gefühl dazu zu gehören, wollen uns angenommen und anerkannt fühlen, und unternehmen daher oft die seltsamsten Dinge, um bloß nicht ausgegrenzt zu werden. Sozial verantwortlich zu handeln ist da schon ein weniger starkes Bedürfnis, wenn es auch doch bei den meisten in irgendeiner Form zu finden ist. Menschen spenden Blut, helfen im Tierheim oder der Rentnerin von nebenan beim Einkauf. Ein Unterschied zum Veganismus besteht aber bei all diesen fraglos uneigennützigen Tätigkeiten: Sie stehen nicht im Konflikt zur sozialen Verträglichkeit – im Gegenteil. Dass ich meiner Nachbarin helfe, die Einkaufstüten zu tragen, wird jeder gutheißen. Ich grenze mich damit nicht aus, sondern verhelfe mir vielleicht sogar zu ein wenig Bewunderung.

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Vegan: Sozial unverträglich?

Mit der veganen Ernährung ist das etwas anderes – das spüren wir tagtäglich. Wir selber wissen, welche Auswirkungen der Konsum von Tierprodukten auf Umwelt, Mensch und Tier hat – zweifellos verhalten wir uns durch unsere Ernährungsweise sozial verantwortlich. Die meisten Menschen wissen das ebenso – und trotzdem bekommen wir so gut wie nie die soziale Anerkennung von anderen, die wir uns oft so sehr wünschen. Unter dem Gesichtspunkt sind Veganer wirklich extrem mutig – schließlich wählen wir bewusst die Zugehörigkeit zu einer Minderheit. Einer Minderheit, die man wirklich oft spüren lässt, dass sie eine ist – weil sie sich eben nicht um jeden Preis sozial verträglich verhält.

Wie also verhalte ich mich? Sozial verträglich? Oder sozial verantwortlich? Meine Antwort ist klar – auch wenn es mich anfangs Überwindung gekostet hat. Den angebotenen Kuchen ablehnen, weil Eier drin sind? Oder aus Gründen der Höflichkeit ein Stück essen? Das aufwändig zubereitete Festmahl der Oma ablehnen, weil sie in ihrem Alter einfach nicht versteht, was „vegan“ bedeutet? In diese Gewissenskonflikte geraten wir ständig, und manchmal ist es sehr sehr mühsam, sich damit auseinander zu setzen. Selbst wenn wir wissen, wie unsere Entscheidung ausfallen wird. Denn die Frage ist doch: Sind wir nur anderen gegenüber verantwortlich? Oder nicht auch uns selbst? Wollen wir wirklich immer wieder unsere inneren Überzeugungen verraten, nur um jemandem einen Gefallen zu tun? Nur um nicht unhöflich zu sein? Nur um nicht aufzufallen? Wenn unsere Bestimmung für dieses Leben wäre uns anzupassen, wären wir Chamäleons. Sind wir aber nicht.

Es geht auch anders

Im Laufe meiner zwei Veganerinnenlebensjahre habe ich zum Glück gemerkt, dass es auch anders geht. Dass sich sozial verträglich durchaus mit sozial verantwortlich vereinen lässt. Vor Kurzen gab ich eine Geburtstagsparty. Ich stand eineinhalb Tage vorher in der Küche, habe Zwiebelkuchen vorbereiten, Schweineohren, Burger, „Eier“salat und „Käse“brote. Einige Gäste brachten weitere Leckereien mit, und ich fand, dass wir zum Schluss ein wirklich großartiges Buffet hatten, das komplett abgeräumt wurde (obwohl der Anteil der Veganer/innen bei nur genau 16,7 % lag). Ich bekam ziemlich viele Komplimente für das Essen, und das führt mich zu einem weiteren Zitat, an dessen Urheber ich mich nicht mehr erinnere: Vegan schließt niemanden aus.

Und wenn wir so weiter machen, mutig, fleißig, unbeirrt, wird sich irgendwann die Frage „Verträglich oder verantwortlich?“ nicht mehr stellen. Dann kommt der Punkt, an dem wir uns nur noch sozial verträglich verhalten können, wenn wir uns gleichzeitig auch sozial verantwortlich verhalten.