Ich bin dann mal vegan – Glücklich und fit und nebenbei die Welt retten

Bettina Hennig ICH BIN DANN MAL VEGAN

Im letzten Jahr wurden über 100 vegane Kochbücher veröffentlicht. Das vegane Leben interessiert immer mehr Menschen und die Beweggründe sind ganz unterschiedlich. Die Zahl der Kochbücher hat mich sehr beeindruckt und trotzdem habe ich mich gefragt: „Interessieren sich alle „nur“ für das vegane Kochen? Was ist mit den Hintergründen und was genau steht denn hinter „Vegan“? Dafür interessieren sich doch auch viele Menschen, spätestens wenn sie sich komplett auf den neuen Lebensstil einlassen. Dank Karen Duve und Jonathan Safran Foer bekommen wir mehr Einblicke über den „veganen“ Tellerrand. Letztes Jahr habe ich dann eine weitere Entdeckung gemacht, die mich bis heute geprägt hat. Das Buch von Bettina Hennig –  „Ich bin dann mal vegan – Glücklich und fit und nebenbei die Welt retten“.

Ein veganes Experiment für vier Wochen oder für immer?

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Buchautorin wagt ein veganes Experiment, das auf vier Wochen begrenzt sein sollte und nun viel länger andauern wird, vermutlich ein Leben lang. Sie verbannt alle tierischen Produkte aus der Küche, probiert vegane Sojalatte und diskutiert über den Veggieday. Sie probiert sich mit einer „Freeganerin“ im Müll auf der Suche nach verwertbaren Lebensmitteln und kontaktiert sogar Bill Clinton. Sie entdeckt ein neues Lebensgefühl, wird jeden Tag glücklicher und fitter und rettet seither ganz nebenbei auch noch die Welt! Wenn sie nicht in Hamburg is(s)t, lebt sie in Berlin.

Geeignet sowohl für alle Neu-Veganer als auch für Alteingepflanzte-Veganer

Der Titel hat mich damals direkt angesprochen und ich habe das Buch einer Freundin geschenkt. Sie meinte, sie wäre beim Lesen durch alle Gefühlslagen gewandelt. Sie war erstaunt, traurig, glücklich und hat aber auch viel gelacht. Die Selbstironie und das undogmatische Schreiben laden zum Schmunzeln ein. Meine Freundin isst seitdem kein Fleisch mehr und das hat uns seither sehr stark verbunden. Ich finde die Kapitel „Mein erstes nicht ganz richtiges Treffen mit anderen Veganern“ oder „Detox – What the fuck is Detox?“ super sympathisch. Wenn man gerade die ersten Gehversuche in Richtung vegan macht, hilft das Buch mit Fakten, mit persönlichen Erfahrungen und einen Motivationsschub gibt es auch dazu. Wenn man schon eine Weile vegan lebt, dann ist das Lesen wie eine Zeitreise, eine Reflektion der letzten Monate oder Jahre.  Ich musste lächeln, schmunzeln und an die vielen Erlebnisse der letzten Jahre denken. Und ja – wir haben es alle überlebt und blicken mit anderen Augen in die Welt, fühlen uns besser und retten ganz nebenbei viele Leben. Die persönliche vegane Abenteuerreise von Bettina Hennig kann ich wärmstens empfehlen. Ab dem 21.1.2016 ist das Buch auch als Taschenbuchausgabe erhältlich und wir verlosen* drei Exemplare. Und wir haben eine Leseprobe für Euch.

Exklusiv für Euch haben wir die kluge und charmante Autorin mit einigen spannenden Fragen konfrontiert. Das Interview gibt es in voller Länge, viel Spass und Vorsicht: Gänsehautgefahr!
Autorin Bettina Hennig ©Omid-Najafi

Autorin Bettina Hennig ©Omid-Najafi

„Ich bin dann mal vegan“, so heißt dein Buch, das jetzt als Taschenbuchausgabe erscheint, wie hat Bettina vorher gelebt?

Bettina: Bettina war vorher Vegetarierin, davor Pescetarierin und davor Omni mit allem drum und dran. Fleisch, Fisch, Ei, Milch, Käse, Leder und Daunen. Und sogar, ich gebe es zu, Pelz. (Am Parkakragen.)

Was war der entscheidende Auslöser? Was hat dich motiviert über deine Erfahrung zu schreiben?

Bettina: Es gab drei Auslöser. Jedesmal ging der Impuls von einem Mann aus. Von einer Allesesserin zur Pescetarierin wurde ich durch einen Mann, dessen Namen ich hier nicht erwähnen möchte. Wir waren im Münchener Weißen Bräuhaus essen. Dort gab es: Rinderherz, Lungenragout, Kalbshirn, Nierengeschnetzeltes und all solche Sachen. Schon als ich die Karte las, stieg mein Ekelpegel. Mir wurde das erste Mal bewusst: Wir essen Lebewesen und ermorden sie dafür. Mir kam es mit einem Mal falsch vor und mir wurde schlecht. Als sich dann noch mein Tischherr über seine Wurstplatte hermachte und sie laut schmatzend verschlang, wurde mir so übel, dass ich mich entschuldigen musste. Für mich war klar. Nie wieder Fleisch.

Das war Auslöser Nummer 1: Aber Fisch hast Du zu diesem Zeitpunkt noch gegessen…

Bettina: Ja, aber nicht mehr lange. Ich hatte kurz darauf „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer gelesen und bei seinen Recherchen über die Hochseeschleppnetze ist mir der Appetit auf Fisch und Co. vergangen.  Diese Netze sind Vernichtungsmonster, die einen Todesstreifen auf dem Meeresgrund hinterlassen. Da wächst nichts mehr. Auch kein Seegras. Das ist mir wichtig, das zu erwähnen, weil Seepferdchen Seegras brauchen. Und ich Seepferdchen liebe. Ich habe aufgehört Fisch zu essen, weil ich Mitleid mit den Seepferdchen hatte.

Und wie bist Du dann noch von Ei, Käse und Milchprodukten weggekommen?

Bettina: Ich hatte schon überlegt, es wegzulassen, war aber noch nicht bereit dazu. Obwohl ich wusste, was in der Milch- und Eierindustrie los ist, hatte ich es mir schön geredet: „Ich esse ja nur bio.“ Kennt Ihr vielleicht? Ich hatte tatsächlich mal recherchiert, dass ein Demeterhuhn auch nicht viel mehr Platz hat, als ein konventionelles Huhn. Ich hatte damals keine Konsequenzen daraus gezogen. Dann aber habe ich in einem beruflichen Zusammenhang Attila Hildmann getroffen. Wir haben uns drei Stunden lang unterhalten und ich dachte mir: „Es ist ja keine Lebensentscheidung, vegan mal auszuprobieren.“ Tja, es war offenbar doch eine. Ich bin dabei geblieben. Und: Es ist die beste Entscheidung meines Lebens. (Außer der, mich mit Schatzi zusammenzutun.)

Du hast sogar mit einer „Freeganerin“ im Müll nach verwertbaren Lebensmitteln gewühlt. Wie war das für Dich?

Bettina:  Erst einmal erschütternd. Mich hat zum einen erstaunt, wie viel weggeworfen wird. Das hat mich regelrecht schockiert. Ich verstehe auch nicht, warum die Lebensmittelläden das nicht an die Tafeln weitergeben oder es zumindest für Bedürftige zugänglich machen dürfen. Da ist die Gesetzeslage kontraproduktiv. Zum anderen hat es mich erstaunt, wie viele Menschen „containern“ gehen. Viele machten es nicht aus ideologisch-politischen Gründen, sondern waren darauf angewiesen. Armes Deutschland, dachte ich. Ich engagiere mich seitdem als Lebensmittelretterin und kaufe übrigens viel gezielter ein. Gegen Sonderangebote, die mich zum Kauf verführen sollen, bin ich immun geworden.

Das Experiment sollte vier Wochen gehen, was passierte danach?

Bettina: Die  zeitliche Begrenzung war etwas, womit ich mir meine Entscheidung erleichtern wollte. Von wegen: Wenn ich es vier Wochen schaffe, dann schaffe ich es auch fünf Wochen. Das Prinzip kennt man ja, wenn man z.B. mit dem Rauchen aufhören will. In kleinen Zielen und Zeitrahmen planen, gilt als machbar und Erfolg versprechend. Mir war aber schon nach einer Woche klar: Vegan – dabei bleibe ich. Man fängt ja dann parallel auch an, sich mit den Missständen in der Lebensmittelindustrie zu beschäftigen. Und da gibt es einfach kein Zurück. Dagegen muss man etwas tun – und wenn es nur im persönlichen Radius ist.

Wie kann man denn nebenbei die Welt retten? Das würden doch gerne mehr Menschen tun?

Bettina: Ist doch ganz einfach! Ich halte es mit Erich Kästner: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Ich kenne so viele Menschen, die auf die Umwelt, die Gesellschaft, ach, und die Politiker schimpfen. Die sollen es richten. Verantwortungsdiffusion nennt man das. Dabei hat jeder einzelne doch das Heft in der Hand! Man kann nicht die Welt ändern, sondern nur sich selbst. Aber wenn jeder die Dinge ändert, die er wirklich ändern kann, dann ist doch schon viel getan. Gerade war große Klimakonferenz in Paris. Alle reden über CO2-Emission und deren Vermeidung oder Verminderung. Dabei haben wir rauchende Schornsteine und Dieselfahrzeuge im Kopf. Aber 19 Prozent der Emissionen kommen von Rindern, die für den Verzehr gezüchtet werden, also von furzenden Kühen. (Auf die globalen Kreisläufe und die damit verbundenen Transportemissionen – Futteranbau in Südamerika, Zucht in Nordamerika und Europa, Resteverwertung in Afrika – möchte ich hier gar nicht erst eingehen). Da liegt es doch nahe, dass man mit einer kleinen Entscheidung, nämlich der, vegan zu leben, etwas bewirken kann. Und wenn viele das machen, ist es umso besser.

Was war die beste Erfahrung während deiner Entdeckungsreise und was waren die größten Hürden?

Bettina: Die wirklich allerallerbeste Erfahrung war: Es gibt keine Hürden. Alles findet nur im Kopf statt. Dieses ganze Mimimimi oder Ich-kann-nicht-ohne-Käse-leben-Gejammer ist Blödsinn. Man kann. Und das sogar sehr gut.

Jetzt liegt Weihnachten hinter uns? Was gab es bei Euch als Festmahl? Musste es Du Kompromisse machen?

Bettina: Moment… Also es gab: Kürbissuppe, Stroganoffgeschnetzeltes, Klöße, Rotkohl, braune Soße, Linsenbraten, Rosenkohl, Kartoffel-Möhren-Gratin, Advokat (aka Eierlikör  – aber das Ursprungsrezept von Verporten stammt aus Brasilien und wird tatsächlich aus Avocados gemacht), Kartoffelsalat nach schwäbischer Art, Berliner Buletten. Dann Stollen, Marzipan, Backapfel, Elisenlebkuchen, Grünkohlchips (für die TV-Abende). Und Vanillekipferl. Vanillekipferl sind immer dabei, sie haben Tradition. Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich Kompromisse machen musste. Jetzt vielleicht, da ich versuche, abzunehmen, was ich mir in der Weihnachtszeit draufgefuttert habe.

Was ist Dein veganes Lieblingsgericht?

Bettina:  Gibt es nicht. Ich mag alles – außer Estragon. Einmal habe ich eine Linsenphase, dann eine Sommerrollenphase, dann probiere ich Rohkostsalate aus. Dann wieder verschiedene Hummus-Pasten. Mal sehen, worauf ich als nächstes, Appetit habe.

Dank Attila Hildmann und viele andere Köche und Autoren wagen immer mehr Menschen den Selbstversuch, erst für vier Wochen und dann länger? Was würdest Du ihnen raten?

Bettina: Machen! Und wenn einem die Rezepte zu kompliziert erscheinen, andere ausprobieren. Es gibt zahlreiche Anregungen im Netz. Ich habe es so gemacht und bin gut damit gefahren.

Wer hat Dich am besten inspiriert diesen Weg zu gehen?

Bettina: Die vier Kühe oder Kälber, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine und 945 Hühner, die ich als Deutsche statistisch gesehen im Leben esse. Wenn ich davon ausgehe, dass ich die Hälfte meines Lebens noch vor mir habe, kann ich zumindest zwei Kühe, zwei Schafe, 23 Truthähnen etc. durch meine Entscheidung das Leben retten. Das ist eine tolle Inspiration.

Wie sieht es mit dem sozialen Umfeld aus, gibt es Diskussionen, Unverständnis oder sogar Frieden?

Bettina: Die meiste Zeit ist Frieden. Viele sind neugierig, ein paar lassen die immer gleichen Sprüche vom Stapel. Da ich nicht darauf eingehe, ist auch da bald – Frieden. Nur einmal gab es, sagen wir mal, Friktionen: Bei einer Gesellschaft hat ausgerechnet eine Jägerin neben mir Platz genommen. Ich habe gar nichts gesagt und das Thema auf andere Dinge gelenkt. Es war immerhin die Premierenlesung zweier Bekannter. Die wollten wir feiern. Aber sie wollte offenbar ganz dringend etwas loswerden und hat mich in ein Gespräch verwickelt. Sie sagte dann so Dinge wie: „Es ist eben die menschliche Natur, zu jagen.“ Oder: „Die Naturvölker jagen alle.“ Stimmt tun sie. Aber bis zu 95 Prozent verschaffen sie sich ihre Nahrung durch sammeln. Ist ziemlich mühsam und nicht so vermeintlich glamourös wie Jagen. Wollte sie alles nicht wissen. Ihre Identität als Jägerin war so gefestigt, dass sie nichts gelten lassen wollte. Ich habe das Gespräch irgendwann beendet, weil ich dachte: Das führt zu nichts und wir wollen ja auch beide einen guten Abend mit Freunden verbringen und uns nicht gegenseitig die Laune verderben. Aber sie war stinksauer und ist dann ganz schnell gegangen.

Wie würdest Du „Vegan“ in einem Satz beschreiben?

Bettina: Leben und Leben lassen. Aber wirklich.

Was haben Du und Bill Clinton gemeinsam?

Bettina:  Nicht nur Bill Clinton und ich ernähren sich vegan, auch Natalie Portman, Mike Tyson, Gwyneth Paltrow, Woody Harrelson, Joaquim Phoenix, Al Gore, Russel Brand, Ellen DeGeneres, Jared Leto, Alanis Morisette, Kaya Yanar und Alica Silverstone, die ein tolles Kochbuch geschrieben hat, schwören auf rein pflanzliche Kost. Manche leben auch vegan.

Ist „Vegan“ für Dich ein Trend, wie siehst Du die Zukunft dieses Phänomens?

Bettina: Wie kann vegan ein Trend sein? Es ist eine fundamentale Kritik an der Art, wie wir mit Tieren umgehen, wie wir sie ausnutzen und töten, eine Kritik an der Lebensmittel-Industrie, an bestehender Agrar- und Umwelt-, Subventions- und Entwicklungspolitik, an Verschwendung, ungleiche Verteilung der Ressourcen, kurz: daran, dass wir lieber unseren Planeten kahlfressen, als unsere liebgewonnenen Gewohnheiten aufzugeben. Viele wünschen sich, es wäre nur ein Trend, damit man unsere Anliegen nicht ernst nehmen muss und uns als Ökospinner abtun kann. Es ist aber kein Trend, es ist eine Ansage: So nicht!

Was willst Du den Lesern von Deutschlandis(s)t vegan noch unbedingt mitgeben?

Bettina: Schön, dass es Euch gibt. Ihr gebt Vegansein eine Chance und je mehr wir werden, desto besser ist es – für alle. Und: Danke für’s Lesen! Freu mich, über Euer Interesse.

Lieben Dank Bettina für das spannende Interview!

Mehr Infos beim Fischer Verlag.

*Verlosung: Den Artikel oder den Facebook-Post liken und kommentieren, verrate uns in einem Satz, was vegan für Dich bedeutet. Die meistens Likes gewinnen. Am 26.01.2016 wird gezählt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 Fotos mit freundlicher Genehmigung von Bettina Hennig.

Kommentare

Kommentare