Vegan ist bunt. Vegan ist vielfältig. Vegan ist spannend, von A bis Z. Heute geht es weiter mit der Serie „The Vegan ABC“. In Zukunft werdet ihr alle 14 Tage – jeden zweiten Dienstag – über ein Thema aus der veganen Welt lesen, ob über „B-Vitamine“ bei B, „Genuss“ bei G oder „Zukunft“ bei Z. Viel Spaß!

 

Vegan ABC: X„Der typische Vegetarier ist weiblich, jung, überdurchschnittlich gebildet und lebt in einer Großstadt.“ Solche oder ähnliche Aussagen liest und hört man seit Längerem überall. Während ich bei den drei letzten Merkmalen nicht ganz sicher bin, ob sie auf mich zutreffen (Bin ich mit 33 noch jung? Gilt ein Hochschulabschluss als überdurchschnittliche Bildung? Ist Mainz schon eine Großstadt?), so bin ich doch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weiblich. Aber ist es tatsächlich so? Ist der überwiegende Anteil der Vegetarier und Veganer weiblich? Und wenn ja, warum?

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Geschlechterverteilung bei Veggies

Über die Geschlechterverteilung bei Veganer/innen findet man so gut wie keine Informationen, weshalb ich einfach davon ausgehe, dass Studien über Vegetarier/innen auch auf vegan lebende Menschen zu übertragen sind. Der VEBU spricht unter Berufung auf eine FORSA-Umfrage von einem Frauen-Männer-Verhältnis bei Vegetariern von ca. 3:1; zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Bundes-Gesundheitssurvey von 1997/98. Laut der großen Vegetarierstudie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena aus dem Jahre 2007 sind 70% der Vegetarier Frauen. All diesen Studien ist gemein, dass sie auf Umfragen beruhen, da sich das Merkmal des „Vegetarier-oder-Veganer-Seins“ nun mal nicht anders feststellen lässt – schließlich handelt es sich nicht um eine zweifelsfrei zu ermittelnde Tatsache wie Alter, Wohnsitz oder Bildungsstand.

In einer solchen Umfrage ist man natürlich auf die Selbsteinschätzung der teilnehmenden Person angewiesen. Sieht sie sich selbst als Vegetarier/Veganer? Und wie zuverlässig sind diese Aussagen tatsächlich? Könnte es nicht sein, dass der wirkliche Anteil weiblicher und männlicher Vegetarier und Veganer in etwa gleich ist, dass Frauen nur grundsätzlich eher dazu neigen, sich auch als solche zu bezeichnen, weil es ihrem Rollenverständnis eher entspricht? Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umsehe, so habe ich doch zumindest den subjektiven Eindruck, dass es keineswegs mehr Frauen als Männer sind, die überwiegend oder ganz vegetarisch oder vegan leben.

Vegetarismus und Veganismus typisch weiblich?

Auch wenn die Wahrheit wahrscheinlich wie immer irgendwo in der Mitte liegt, so ist doch zumindest recht deutlich, dass Vegetarismus und Veganismus in der Öffentlichkeit als etwas typisch Weibliches wahrgenommen werden. Eigenschaften wie Mitgefühl, Empathie, Rücksicht und Umweltbewusstsein, also gemeinhin weiche, gefühlsbetonte Merkmale, welche oft Voraussetzung für die Entscheidung für den Veggie-Lebensstil sind, werden eher Frauen als Männern zugeschrieben. Und wenn der Mann schon Vegetarier/Veganer sei, dann aus intellektuellen Gründen, zum Beispiel weil er die Ressourcenvergeudung durch die Tierproduktindustrie ablehne oder aus gesundheitlichen Motiven.

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Soweit die herrschende Meinung – indessen zeichnet die oben erwähnte Vegetarier-Studie der Universität Jena ein etwas differenziertes Bild. Sowohl Frauen als auch Männer gaben als häufigsten Grund für ihren Fleischverzicht moralische Bedenken an (Leid, Tod und Schmerz der Tiere); auch der Erhalt der Umwelt und Gesellschaft stand bei beiden Geschlechtern auf gleicher Rangliste. Nur bei prozentualer Gewichtung der einzelnen Beweggründe zeigte sich, dass moralische Gründe für Frauen etwas wichtiger sind als für Männer (moralische Gründe gaben etwa 65% der Frauen, aber nur etwas unter 60% der Männer an), während gesundheitliche Motive für etwas unter 30% der Männer, aber nur für etwas über 15% der Frauen eine Rolle spielen.

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Mein alltäglicher Eindruck ist, dass die Männer tatsächlich immer noch Angst davor haben, als Vegetarier / Veganer von ihren Freunden und Kollegen nicht ernst genommen zu werden. Stehen Grillfeste an, sind es immer die Männer, die schon tagelang vorher wetteifern, wer die größeren Mengen essen könne – als Vegetarier ist man(n) da schnell aus dem Spiel. Und wenn dann auch noch Umfragen veröffentlicht werden, die (angeblich) belegen, dass Frauen Fleischesser als männlicher wahrnehmen, kann ich die Verunsicherung der Männer fast verstehen.

Auch wenn meine eigene Meinung nicht wirklich repräsentativ für die gesamte Weiblichkeit ist, da ich ja schließlich selber Veganerin bin: Ich finde Vegetarier und Veganer alles andere als unmännlich – im Gegenteil. Sich in andere einfühlen, seine – angeblichen – Urinstinkte mal zurückstecken, für seine Überzeugung eintreten, über den Tellerrand hinaus denken, die Zukunft im Blick haben – das alles finde ich sehr männlich. Kiloweise totes Tier in sich hinein zu schaufeln dagegen eher nicht – Männer die am Grill posieren haben für mich eher etwas belustigendes. Schließlich leben wir nicht mehr in der Steinzeit – wir Frauen fänden es ja auch nicht männlich, wenn die Herren statt zu fragen oder zu flirten uns einfach unter den Arm klemmen und mit uns in der nächsten Höhle verschwinden würden.

In diesem Sinne, liebe Männer: Wenn ihr kein Fleisch essen wollt, steht dazu! Die Frauen werden es euch danken. Und wenn ihr auch keine Eier und keine Milchprodukte mehr sehen könnt – umso besser. Oder ist es etwa männlich, als Erwachsener noch Muttermilch zu trinken?

 

Zum Weiterlesen:

Die Vegetarier-Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena: http://www.vegetarierstudie.uni-jena.de/