Vegan ist bunt. Vegan ist vielfältig. Vegan ist spannend, von A bis Z. Heute geht es weiter mit der Serie „The Vegan ABC“. In Zukunft werdet ihr alle 14 Tage – jeden zweiten Dienstag – über ein Thema aus der veganen Welt lesen, ob über „B-Vitamine“ bei B, „Genuss“ bei G oder „Zukunft“ bei Z. Viel Spaß!

 

Am Wochenende war ich mal wieder mit der Bahn unterwegs. An die ständigen Verspätungen habe ich mich ja in der Zwischenzeit gewöhnt, aber woran ich mich wohl nie gewöhnen werde, ist: Es ist einfach immer zu voll. Dass an Freitag- und Sonntagabenden überdurchschnittlich viele Menschen den Schienenverkehr nutzen, scheint für die Deutsche Bahn immer wieder vollkommen überraschend zu sein. Und so gibt es für zu viele Reisende zu wenig Sitzplätze. Wenn ich mich mit denen durch die Gänge und von Abteil zu Abteil schiebe, muss ich schon oft tief durchatmen, um nicht die Geduld zu verlieren. Die in der Luft hängende latente Aggressivität färbt eben auch auf mich ab. Und ich muss gestehen: Ich bin schon ein wenig klaustrophobisch veranlagt. In unserem Mietshaus gibt es einen Aufzug, in den – dicht aneinandergepresst – höchstens drei Leute reinpassen. Ich quetsche da allerhöchstens mal meine Einkäufe rein. Mich selbst? Niemals.

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Platzbedarf bei Mensch und Tier

Wir Menschen haben ein (ich würde sagen: natürliches) Bedürfnis nach Freiraum. Rein physikalisch. Je nachdem wie vertraut uns ein Mensch ist, lassen wir ihn an uns heran. Mein Tanzbereich, dein Tanzbereich. Und wenn dieser Abstand unweigerlich unterschritten wird (wie eben zum Beispiel in aus den Nähten platzenden öffentlichen Verkehrsmitteln), oder wenn uns die Wände zu nah rücken, werden wir ungehalten. Wollen uns frei strampeln. Menschen weg schubsen. Laut schreien. Zum Glück hält diese beengte Situation für uns nie lange vor. Irgendwann findet man doch einen Sitzplatz. Oder nimmt einfach die Treppe.

Für die meisten der sogenannten Nutztiere ist die Situation eine andere. Auch Tiere haben ein Bedürfnis nach Platz. Um ihre natürlichen Verhaltensweisen leben zu können. Um zu spielen. Um sich wohl zu fühlen. Wie groß dieser Platz sein muss, definiert der Mensch. Und sehr häufig ist es zu wenig. Ein Schwein in der Massentierhaltung hat beispielsweise etwa 1 m² zur Verfügung; ein Rind meist nur 1,5-2 m². Das berühmte Beispiel, dass Hühner in der Käfighaltung nicht mehr Platz haben als ein DIN A4-Blatt groß ist, kennen wir sicher alle. Und, tja, Bio macht es nicht wirklich besser. Eine Legehenne, die nach den Kriterien von Bioland gehalten wird, darf sich ihren Quadratmeter mit fünf anderen Artgenossen teilen. Immerhin mehr als das Käfighuhn – und trotzdem bei Weitem nicht genug.

Reaktion bei Tier und Mensch

Was ist die Reaktion? Die Tiere stehen unter Stress, genauso wie – schlimmer als – ich im Aufzug oder in der Bahn. Sie verletzen sich selbst und gegenseitig, Hühner picken nacheinander, ohne Fluchtmöglichkeit, Schweine knabbern sich Schwänze und Ohren an oder ab. Rinder verwunden sich durch ihre Hörner.

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Und was macht der Mensch? Er sorgt nicht dafür, dass die Tiere so viel Platz haben, dass sich diese Verhaltensweisen nicht mehr zeigen, nein. Da gibt es andere Tricks. Schwänze und Schnäbel kann man kupieren, Hornanlagen ausbrennen. Was nicht passt, wird passend gemacht. Ein wenig erinnert mich das an das Märchen Aschenputtel. Passt der Schuh nicht? Kein Problem, da kürzen wir einfach den Fuß!

Eigentlich ist das alles – für die meisten Menschen – nicht neu. Für mich ist es auch nicht neu, dass es vielen immer noch so schwer fällt, ein wenig Mitgefühl für diese Lebewesen zu empfinden, für die wir verantwortlich sind und für deren Wohlergehen wir alles tun sollten. Dabei sind doch unsere Bedürfnisse denen der Tiere oft so ähnlich! Es sollte doch gar nicht schwer sein nachzuempfinden, wie sich eine Sau fühlt, die sich in ihrer „Abferkelbucht“ nicht mehr bewegen kann. Oder ein Huhn, das mit mehreren tausend anderen Hühnern unter einem Dach lebt, auf so wenig Raum, dass es gar nicht richtig mit den Flügeln schlagen kann? Wo um alles in der Welt hat der Mensch denn seine Empathie gelassen?

Fehlende Empathie oder Abwägung?

Möglicherweise ist es gar nicht das fehlende Mitgefühl – sondern nur eine Abwägung zu Gunsten der eigenen Bedürfnisse. Mehr Platz für eine Milchkuh bedeutet insgesamt weniger Kühe, bedeutet weniger Milch, bedeutet teurere Milch, bedeutet für mich nur noch zwei statt vier Milchkaffee die Woche. Mmh. Ok. Dann doch lieber vier Milchkaffee für mich, und die Anbindehaltung für die Kuh.

Die Platzsituation für die Tiere – und auch ihre sonstige miserable Situation – lässt sich nur langsam verbessern. Ich habe mittlerweile gelernt, dass ich nicht zu viel erwarten und verlangen darf. Aber oft, sehr oft, wünsche ich mir, dass es uns zumindest gelingt, die grausamen Bedingungen der Massentierhaltung – oder, wie es ja bald heißen soll: Intensivhaltung – abzuschaffen. Dass es gelingt, das Platzangebot für Hühner, Schweine, Rinder wirklich zu verbessern. Und vielleicht bleibt dann ja auch irgendwann genug Platz und Raum im Kopf der Menschen, um sich um die alles entscheidende Frage Gedanken zu machen: Wenn es uns schon am Herzen liegt, dass es ihnen gut geht: Ist es dann überhaupt noch in Ordnung, sie zu essen?