Seit Anfang Januar bin ich Besitzerin des Fairphones. Es ist mein erstes Smartphone, und wie viele andere habe ich mich lange gegen des Kauf eines solchen gewehrt. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen bin ich grundsätzlich gegen Must-Haves (und als solche werden Smartphones ja durchaus gehandelt). Ich hatte Bedenken, mit der ständigen Erreichbarkeit über alle Kanäle und der Informationsflut nicht zurecht zu kommen (gerade weil ich weiß dass ich anfällig für die Neuigkeiten-Sucht bin). Und zuletzt wollte ich mir nicht noch ein elektronisches Gerät anschaffen, das ich in meinen Augen nicht unbedingt brauche.

Ende letzten Jahres gab dann mein altes Ich-kann-nur-SMS-und-Telefonieren-Handy den Geist auf und ich stand vor der Wahl: Neu oder gebraucht? „Normales“ Handy oder Smartphone? Letzteres war dann doch recht schnell entschieden: Unbestreitbare Vorteile wie mobile Navigation, Messenger, Kamera oder die DB-App machten mir – ich gestehe – einfach Lust auf ein Smartphone (soviel zum Thema Must-Haves…). Da nun aber so gut wie alle Elektrogeräte unter widrigen Bedingungen für Mensch und Umwelt produziert werden, war die Frage ob neu oder gebraucht nicht so leicht zu beantworten. Ein gebrauchtes Smartphone wäre zumindest unter ökologischen und sozialen Gesichtspunkten zu vertreten – aber ein Gerät der Konzerne wie Samsung oder Apple spazieren tragen? So richtig gefiel mir das nicht. Die Fairphone-Initiative kam mir da gerade recht: Das niederländische Unternehmen produziert ein Smartphone,  das alle meine Bedingungen zu erfüllen scheint: Offene Lieferkette, hohe soziale Standards, faire Entlohnung, konfliktfreie Materialien, Entsorgungskonzept. Zugegeben: Das klingt alles etwas zu schön um wahr zu sein. Was ist also dran am fairen Konzept? Und taugt das Teil überhaupt etwas?

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Die letztere Frage kann ich aus meiner persönlichen Sicht leicht beantworten: Ja, klar taugt es was! Ich komme mit dem Betriebssystem gut zurecht, die Nutzeroberfläche ist sinnvoll gestaltet. Die Verarbeitung ist sehr solide; als Glas verwendet Fairphone das sogenannte „Dragontrail Glass“, das extrem fest und resistent gegen Kratzer ist. Auch ist das Display-Glas nicht fest mit den anderen Komponenten verbunden, so dass es im Fall der Fälle ausgetauscht werden kann. Auch der Akku ist zugänglich und kann ersetzt werden. Seine Laufzeit ist für mich sehr zufriedenstellend – für gewöhnlich lade ich das Telefon alle 3 Tage auf, was aber auch daran liegen mag, dass ich selten  energiefressende Dienste wie Karten und Navigation nutze. Die Kamera hat mit 8MP eine gute Auflösung und Bildqualität.

 

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In den Online-Medien wird es mit seinen technischen Spezifikationen oft als „gutes Mittelklasse-Smartphone“ eingeordnet:

Betriebssystem: Android 4.2.2
Display: 4,3 Zoll IPS, 960 x 540, 254 dpi
Chipsatz: Mediatek MT6589M (Quad-Core, 1,2 Ghz)
Speicher: 16 GByte Flash, 1 GByte RAM
Schnittstellen: microUSB 2.0, microSD, Dual-SIM, Kopfhörer
Kamera: 8 Megapixel / 1,3 Megapixel (Front)
Akku: 2000 mAh, wechselbar
Gewicht: 163 g
Abmessungen: 126 mm x 63,5 mm x 10 mm
Preis: 325 €

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Die Frage nach der tatsächlichen „Fairness“ das Fairphones ist dagegen schwieriger zu beantworten. Das Ziel der Fairphone-Initiative ist es, auf Missstände in der Lieferkette aufmerksam zu machen und Wege zur Lösung aufzuzeigen. Firmengründe Bas van Abel gibt zu, dass das Fairphone ein erster Schritt auf diesem Weg sei, aber nicht das Endprodukt eines vollkommen fair produzierten Smartphones, was viele, mich eingeschlossen, zunächst erwartet hatten.

In die Produktion des Fairphones wurden zum Beispiel über die „Conflict-free Tin Initiative“ Minen im Kongo eingebunden, die viele Hersteller aufgrund der politischen Situation bereits meiden. Dass diese Minen trotzdem nicht im westlichen Sinne „fair“ sind – z.B. hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Sicherheitsvorkehrungen – wird in Kauf genommen. Fairphone möchte aber trotzdem lieber dort bleiben und die Menschen vor Ort unterstützen, als sich zurückzuziehen und die Rohstoffe z.B. aus Australien zu beziehen.

Ein ähnliches Bild ergibt sich in Hinblick auf die Wahl der Fabrik in China zum Zusammenbau des Fairphones. Auch hier sei es laut van Abel nicht möglich, eine Fabrik mit nach unseren Maßstäben gerechter Arbeit zu finden. Ausschlaggebend waren bei der Wahl eine starke Kontrollmöglichkeit durch Fairphone, Mindestlöhne sowie das Bestreben des Managements, die Arbeitszeiten dauerhaft zu senken.

Alles in allem bin ich davon überzeugt, dass die Fairphone-Initiative ein Smartphone produziert, das nicht fair, aber so fair wie zum heutigen Tag möglich ist. Bis eine komplett offene und faire Lieferkette präsentiert werden kann, wird wohl noch eine lange Zeit vergehen, aber ich finde eine Initiative, die sich auf den Weg dorthin gemacht hat, auf jeden Fall unterstützenswert. Kritisieren kann man den durchaus irreführenden Namen. „Fairphone“ hat doch bei vielen die Illusion erweckt, es handele sich um ein überwiegend fair produziertes Smartphone, dem ist aber leider nicht so. Zu Gute halten kann ich noch das Nachhaltigkeitskonzept. Austauschbarer Akku und Glas; zwei SIM-Karten-Plätze (was möglicherweise die Anschaffung eines zweiten Telefons, z.B. für den Job, erspart), Ladekabel und Kopfhörer gehören nicht standardmäßig zum Lieferumfang (da sie ohnehin fast jeder bereits hat).

Die Website des Fairphone findet ihr hier.

Zum Weiterlesen und für die eigene Meinungsbildung empfehle ich z.B. Artikel aus der ZEIT, der Süddeutschen und von golem.de.