Ich kann es einfach nicht! So sehr ich mich auch bemühe. Im Zug sitzend zu schreiben, das nehme ich mir vor jeder langen Bahnfahrt vor – daraus wird dann allenfalls eine Stunde halbherzigen Lesens. So auch heute. Meine Begleitung neben mir liest „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer, ich schaue ihm ab und an über die Schulter und lese einige Absätze mit. Aber die meiste Zeit sehe ich – wie so oft in der Bahn – aus dem Fenster und lasse sowohl die Landschaft als auch die Gedanken an die letzten Tage vorbeiziehen. Und so wird auch dieser Artikel nicht – wie ich so gerne einmal formulieren würde – in einem ruhigen Abteil auf der Strecke irgendwo zwischen Berlin und Frankfurt verfasst. Obwohl das wirklich gut gepasst hätte.

Denk‘ ich an Berlin, denk‘ ich im gleichen Atemzug auch an veganes Leben. Als Einwohnerin der Stadt Mainz leidet man schnell unter dem Mangel an veganer Verköstigung außerhalb der eigenen vier Wände, so daß mir Berlin wie das reinste vegane Schlaraffenland vorkommt. Wir haben uns primär auf den Weg gemacht, um an der Demonstration „Wir haben es satt“ teilzunehmen, aber unsere Vorfreude auf bekannte und noch unbekannte vegane Restaurants versüßt uns die Reise.

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Unser Hotel liegt in einer ruhigen Seitenstraße unweit vom Ku’damm. Wir haben vorher per Mail angefragt, ob es sich nicht einrichten ließe, für uns Sojamilch und Pflanzenmargarine zu servieren – na klar. Etwas skeptisch betrete ich morgens den Frühstücksraum, aber es ist mehr als gut für uns gesorgt. Die Sojamilch steht in einem Krug bereit, dazu Margarine, hübsch in kleinen Gläschen angerichteter Sojaghurt und zudem Vanille- und Schokopudding. Neben den üblichen Frühstückzutaten gibt es Obstsalat und sogar warme Gemüsepfanne. Ich freue mich und schäme mich fast ein wenig für meine Skepsis.

Gut gegessen im Satyam, La Mano Verde und Kopps

Bis zur Demo haben wir noch einen Tag Zeit. Viel Zeit zum Essen. Abends besuchen wir das „Satyam„, das wir bei einem früheren Berlin-Besuch bereits kennen gelernt haben und dessen Mixed Pickles uns nahezu süchtig gemacht haben. Am nächsten Mittag haben wir einen Tisch im pfanzlichen Gourmet-Restaurant “La Mano Verde“ reserviert. Geschmack, Auswahl, Zubereitung und das Anrichten der Speisen begeistern uns genauso wie das herzliche Personal. Während des Essens reden wir über nichts anderes als über das was wir gerade essen. Ich verlasse das Lokal mit einem warmen Gefühl im Magen und im Herzen.

Dieses Gefühl begleitet mich den ganzen Tag und verlässt mich auch Abends nicht, als wir – gerade noch – zwei Plätze im „Kopps“ ergattern. Das Restaurants ist gut besucht, Kellner huschen um uns herum, Stimmengewirr. Das Publikum ist so bunt gemischt, daß ich mich fühle als säßen wir in einem – Verzeihung – „normalen“ Lokal. Ich genieße meine Maultaschen, schiele dann aber doch etwas neidisch auf die Soja-Roulade, die neben mir am Tisch serviert wird und aussieht wie… naja… „echte“ Roulade. Das macht das „Kopps“ aber auch aus: Traditionelle Hausmannskost im veganen Gewand. An diesem Abend fühle ich mich fast wie in die Zukunft katapultiert.

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Am nächsten Tag brechen wir endlich zur Demo auf. Wir sind etwas zu früh und können in Ruhe beobachten, wie sich der Washingtonplatz vor dem Hauptbahnhof langsam mit Demonstranten füllt. Es ist schon eine bunte Mischung: Bauern, Umweltverbände, Tierschützer, Verbraucher. Viele Plakate, die für „Die faire Milch“ werben – so viele, daß ich Schwierigkeiten habe, sie nicht mit auf’s Foto zu bekommen. Einen Moment frage ich mich, ob ich als Veganerin hier wirklich richtig bin.

Beeindruckende Menschenmassen: 23.000 Teilnehmer

Als sich der Demonstrationszug in Bewegung setzt, suchen wir uns unser Plätzchen, irgendwo zwischen den Aktivisten der Albert-Schweitzer-Stiftung, des Vebu und Vertretern der VGD – damit kann ich gut leben. Die Veranstalter werden später von rund 23.000 Teilnehmer sprechen, und der Blick vom Kapelle-Ufer auf die Menschenmassen, die sich über die Kronprinzenbrücke bewegen, ist wirklich beeindruckend. Mittlerweile hat es begonnen, kalt zu regnen, und auch der starke Wind tut uns keinen Gefallen. Niemand beklagt sich (außer einer leisen Stimme in mir), denn alle wissen wofür sie hier sind: Um die bäuerliche Landwirtschaft statt der Agrarindustrie voranzubringen, um eine Veränderung der Agrarpolitik zu fordern, und einen Ausstieg (wir und die Veganer) aus der bzw. eine Verbesserung (alle anderen) der Tierhaltung zu erreichen.

Als die Abschlusskundgebung startet, ist die leise Stimme in mir zu einer lauten geworden. Ich bin durchgefroren und kann meine Hände kaum noch bewegen. Wir lauschen noch ein wenig den ersten Vortragenden, geben dann aber dem eigenen Wohlbefinden den Vorrang vor unserem Aktivismus und verschwinden im Eingang zur U-Bahn-Haltestelle Bundestag.

Eine halbe Stunde später sitzen wir im Yoyo und ordern vegane Burger und Pommes Frites. Das Lokal ist voll, richtig voll, und es ist nicht schwer zu erraten, dass das heute an der Demo liegt. Geduldig warten wir auf unsere Bestellung, freuen uns über den Zulauf und darüber, daß anscheinend doch so einige Veganer/innen an der Veranstaltung teilgenommen haben. Unser Wunsch für das nächste Mal steht auch schon fest: Ein eigenes Banner.

An all das denke ich auf der Rückfahrt, irgendwo zwischen Berlin und Frankfurt. In Worte fassen kann ich es erst jetzt, wieder zuhause, vor dem Bildschirm. Ich bin gespannt, was das Jahr 2012 uns bringen wird – in Sachen Agrarpolitik, Tierrechte, Veganismus. Und träume den Traum, dass wir im Jahre 2013 nicht mehr demonstrieren müssen, weil sich alles zum Guten gewendet hat.