Im letzten Beitrag haben wir über die optimale Deckung von Mineralstoffen in der pflanzlichen Ernährung mit Hilfe der „Fantastischen Vier“ gesprochen. Heute widmen wir uns dem Thema Rohkost und was denn nun für unsere Gesundheit besser ist: Rohe oder gekochte Nahrung?

Wir wissen durch eine Vielzahl an Studien und Metaanalyse, dass Obst und Gemüse gesund ist und vor vielen Krankheiten schützen kann.1 In der Prävention von Erkrankungen scheint rohes Obst- und Gemüse in manchen Fällen sogar noch wirkungsvoller zu sein.2,3 Dr. Bernhard Watzl und Dr. Claus Leitzmann bestätigen in ihrem gemeinsamen Buch „Bioaktive Substanzen in Lebensmittel“ ebenfalls, dass rohes Gemüse in vielen Fällen eine stärkere antikanzerogene (krebshemmende) Wirkung als gekochtes Gemüse entfaltet. Auf der anderen Seite können gewisse Nährstoffe in erhitzten Lebensmitteln besser aufgenommen werden und manche schädliche Inhaltsstoffe werden erst durch das Erhitzen unschädlich gemacht. Man denke beispielsweise an das Solanin in der Kartoffel oder Antinutritiva in Hülsenfrüchten wie Lektine oder Protease-Inhibitoren. Wo also der optimale Mittelweg zwischen Roh- und Kochkost liegt, beleuchten wir nachfolgend.

Tomatensalat oder Tomatensauce? 

Möchte man wissenschaftlich belegen, ob ein Lebensmittel gekocht oder roh gesünder ist, dann gilt es, möglichst alle darin enthaltenen Inhaltsstoffe vor und nach dem Erhitzen miteinander zu vergleichen, um so Rückschlüsse über deren Zu- und Abnahme ziehen zu können. Bei einer derart großen Vielfalt an Inhaltsstoffen in jedem einzelnen Lebensmittel grenzt dies allerdings an Unmöglichkeit. Deshalb muss man sich mit den Untersuchungen begnügen, die aktuell vorliegen und schon durchaus umfangreich ausgefallen sind. Bisherige Ergebnisse zeigen, dass eine einfache Antwort auf die Kochfrage nicht gegeben werden kann. Ein kleines Beispiel anhand der Tomate: Durch das Erhitzen für eine halbe Stunde bei 88°C stieg der Gehalt an Lycopin (ein antioxidativ & antikanzerogen wirkender Stoff) um satte 35 %.4 Das würde nahelegen, dass die gekochte Tomate der rohen Tomate vorzuziehen wäre. Allerdings verzehrt man ja eine Tomate nicht nur wegen des enthaltenen Lycopins, sondern auch wegen all ihrer anderen Inhaltsstoffe. Wie verändern sich diese in der halben Stunde Kochzeit? Ein Blick auf das enthaltene Vitamin C verrät: Kochen bringt hier nicht nur Vorteile mit sich. In der selben Zeit, in der das Lycopin bei 88°C um 35% anstieg, gingen 29 % des Vitamin C verloren.4

Ähnlich konträr würde vermutlich auch die Untersuchung all der weiteren Inhaltsstoffe der Tomate ausfallen.

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Aber was tun?

Die Antwort darauf ist einfach: Iss einfach einen Teil deines Gemüses roh und einen Teil gekocht. Und vor allem: Iss so viel Gemüse wie du kannst. Und je nachdem, ob du ein Gemüse roh oder gekocht lieber magst, wird die Wahrscheinlichkeit steigen, dass du davon große Mengen essen wirst, wenn es dir bestmöglich schmeckt. Wenn du also gekochte Tomaten wesentlich lieber magst, wirst du davon vermutlich auch doppelt so viel essen wollen, wodurch du das knappe Drittel an Vitamin-C-Verlust locker ausgleichen kannst. Außerdem ist Vitamin C in sehr vielen unterschiedlichen Lebensmitteln enthalten und so ist der Vitamin-C-Verlust nicht bedenklich. Umgekehrt ist die Situation beim Lycopin. Da gekochte Tomaten einer der besten Lycopinquellen sind, findet man bei den Blutwerten von reinen Rohköstlern in vielen Fällen zu niedrige Lycopinspiegel.5 Ebenfalls wichtig ist es, dass du dein (biologisches) Obst und Gemüse nicht schälst, denn knapp unter der Schale stecken viele Nährstoffe. Um es mit den Worten von Dr. Claus Leitzmann zu sagen: „Obst und Gemüse zu schälen ist ein Kunstfehler.“

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Hitze ist nicht gleich Hitze

Wenn man sich nun also aus geschmacklichen Gründen dazu entscheiden sollte, einen Teil seines Gemüses zu kochen, kann man durch die Wahl der richtigen Zubereitungsmethode den Nährwert bzw. die antioxidative Aktivität verbessern. Auch hier unterscheidet sich das eine vom anderen Lebensmittel stark. Allerdings lässt sich generell sagen, dass Kochen zu größeren Nährstoffverlusten führt als im Ofen garen oder dämpfen. Wenn das Gemüse mit Wasser in Berührung kommt, gehen ein Teil der Nährstoffe leider in das Kochwasser über. Das ist bei Suppen, die später mit dem Kochwasser püriert werden sicherlich weniger ein Problem als bei Gemüse, dessen Kochwasser abgegossen wird.6 Sollte man gekochtes Gemüse trotzdem wesentlich lieber mögen als Gedämpftes, dann sollte man einfach etwas mehr davon essen. Die vorangehende Untersuchung von Jimenez-Monreal und seinen Kollegen ergab lediglich bei einem Gemüse einen wirklich großen Nährstoffverlust durch alle Zubereitungsmethoden: bei der Paprika. Die sollte man also wirklich bevorzugt roh essen. 6

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Reine Rohkost – ja oder nein?

Die Entscheidung, ob man gänzlich roh essen möchte oder nicht, ist natürlich eine Persönliche. Ich sehe allerdings zwei Schwierigkeiten bei einer reinen Rohkosternährung für den Durchschnittsbürger. Die eine Schwierigkeit zeigen die Ergebnisse der Gießener Rohkoststudie auf.7 Während ein Teil der täglich benötigten Nährstoffe durch die Rohkost gedeckt werden konnte, war die Versorgung mit Vitamin A, E, B2 und Niacin sowie mit Zink, Kalzium, Magnesium, Eisen und Jod unzureichend. Diese Nährstoffe können grundsätzlich auch durch rohe Lebensmittel gedeckt werden, die Untersuchung der Rohköstler dieser Studie zeigt aber, dass es den Probanden im Durchschnitt nicht gelang. Die durchschnittliche Proteinzufuhr der Rohköstler lag ebenfalls unter den Empfehlungen, war aber noch nicht gänzlich mangelhaft. Der (fast gänzliche) Verzicht auf Getreide und Hülsenfrüchten in der Rohkosternährung stellt in meinen Augen eine unnötige Restriktion und damit die zweite Schwierigkeit dar, weil richtig zubereitetes Getreide ein guter und wichtiger Kalorien- und Nährstofflieferant ist.

Fazit:

Viele Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Getreide und Hülsenfrüchte sind nur gekocht ein idealer Nährstofflieferant. Diese Lebensmittel fehlen in einer reinen Rohkosternährung fast gänzlich, wodurch ich diese nicht empfehle. Unumstritten ist jedoch der gesundheitliche Wert roher Lebensmittel im Rahmen einer veganen Mischkost aus rohen und erhitzten Lebensmitteln. Dies bestätigt auch die UGB (Vereine für unabhängige Gesundheitsberatung e.V.) und empfiehlt, den Rohkostanteil nach der eigenen Verträglichkeit festzulegen.8 Dieser kann 20 % im Winter oder bei Abneigung gegen zu viel Rohes, aber auch gerne 80 % im Sommer und großer Vorliebe für Rohkost betragen. Zumindest ein geringer Rohkostanteil sollte in jeder Ernährung vorhanden sein. Der eigene Körper wird einem schnell das richtige Mittelmaß sagen. Wichtig ist mir im Rahmen dieses Artikels aber vor allem, mit dem Dogma aufzuräumen, dass das Erhitzen von Nahrung sofort zu einem überwiegenden Nährstoffverlust führt oder man nur mit reiner Rohkost gesund bleiben kann. Das Erhitzen von Nahrungsmitteln hat seine Berechtigung und eröffnet uns wichtige Nahrungsquellen, die uns ansonsten verschlossen blieben.

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1 http://jn.nutrition.org/content/136/10/2588.full.pdf+html

2 http://www.nature.com/ejcn/journal/v65/n7/pdf/ejcn201136a.pdf

3 htps://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2963618/pdf/pone.0013609.pdf

4 http://pubs.acs.org/doi/abs/10.1021/jf0115589?prevSearch=rui+hai+liu&searchHistoryKey=&

5 https://www.cambridge.org/core/services/aop-cambridge-core/content/view/AACB36B5CC49490A86FF154424FAEB82/S0007114507868486a.pdf/long-term-strict-raw-food-diet-is-associated-with-favourable-plasma-carotene-and-low-plasma-lycopene-concentrations-in-germans.pdf

6 http://www.naturaleater.com/science-articles/133-cooking-methods-vegetable-antioxidants.pdf

7 https://www.uni-giessen.de/fbz/fb09/institute/ernaehrungswissenschaft/prof/nutr-ecol/veroeff/voeff-epid/dissstrassner

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8 https://www.fairberaten.net/ernaehrungsplan-praevention/sekundaere-pflanzenstoffe-frischkost/druckansicht.pdf