Im Boxclub Haan in Augsburg treffe ich um die Mittagszeit Schülerin Cheyenne Hanson, Jahrgang 1998, sechsfache Amateurweltmeisterin im Kickboxen. Sie wärmt sich mit Seilhüpfen auf, gefolgt von Dehnungsübungen, boxt und kickt gegen den Sack und steigt anschliessend mit ihrem Trainer in den Ring. Cheyenne hat mittlerweile ihren ersten Profikampf gegen Charlotta de Checci aus Bologna mit 3:0 gewonnen. Dabei beeindruckte vor allem ihre grosse Ausdauer. Mit harten Kicks in Richtung Kopf hielt sie die größere Gegnerin auf Distanz und landete auch mit den Fäusten einige klare Wirkungstreffer.
Nach dem Training durfte ich ihr im Ring ein paar Fragen zur Ernährung und ihren sonstigen Aktivitäten stellen.

Wie lange machst du schon Kampfsport und wie bist du zum Kickboxen gekommen?

Ich mache Kampfsport seit meinem fünften, sechsten Lebensjahr, so genau weiss ich das gar nicht mehr. Meine Familie hat immer schon Kampfsport gemacht, meine Mama war beim Teakwando jahrelang. Dann habe ich das auch ausprobiert. Meine große Schwester ist dann zum Kickboxen gewechselt und dann habe ich da auch mal Probetraining gemacht. Ich habe gemerkt, dass das mir auch mehr zusagt und bin dann auch gewechselt.

Seit wann ernährst du dich vegan und was war der Anlass?

Den Gedanken hatte ich schon längere Zeit und so wirklich angefangen mit veganer Ernährung und so richtig beschäftig hat mich das Thema seit Anfang des Jahres 2016. Dann hab ich mich stückweise immer weiter in die vegane Lebensweise eingearbeitet.

Foto: Friedrich Schlehan

Folgt dir dabei deine Familie oder gibt es da eher Konfliktpotential?

Ich wohne ja mit meiner Mama zusammen und die ist auch Vegetarierin und deswegen gibt’s da normalerweise keine Probleme. Nur dass ich halt auf die Milchprodukte verzichte.

Hast du schon versucht, sie auch davon wegzubekommen oder lässt du sie da einfach machen?

Ich hab es schon hin und wieder versucht oder so angedeutet. Ich habe gemerkt, wenn ich es einfach weniger esse und wir oft zusammen essen, dass sie eben dann auch darauf verzichtet und das auch nicht schlimm findet. Aber es ist nicht so, dass ich jetzt irgendjemanden zwingen möchte, sondern jeder sollte das für sich selbst entscheiden.

Wie hat sich deine neue Ernährungsweise auf die Leistung ausgewirkt? Bist du ausdauernder dadurch?

Also ich selber hab echt gemerkt, dass ich mehr Energie habe, nicht immer so müde bin. Und wenn ich mal müde bin und nach der Schule schlafe, dann liegt es halt einfach daran, dass ich ziemlich spät ins Bett gehe und oft spät ins Training gehe. Aber ich hab einfach den Unterschied definitiv gemerkt und dass ich selber einfach leistungsfähiger geworden bin und mehr Energie habe und Ausdauerkraft. Das merkt man schon, ja.

Kannst du mal so einen typischen Tagesablauf von dir beschreiben, also mit Essen, Trainingseinheiten?

Also ich gehe ja noch auf die Voss (Schule), deshalb stehe ich meistens morgens auf, frühstücke, gehe dann in die Schule. In den Pausen esse ich natürlich auch was. Wobei das auch sehr praktisch ist, weil dort gibt’s eben auch schon viel veganes Essen im Angebot, also absichtlich veganes Essen. Die Auswahl ist eigentlich relativ groß für eine Schule. Da gibt’s belegte Semmeln und Salate und unterschiedliche Sachen. Da hab ich gar kein Problem damit. Ich muss nicht zwingend meine Sachen mitnehmen in die Schule. Nach der Schule esse ich noch mal, dann gehe ich mit meinem Hund raus, leg mich hin oder mache Schulsachen, dann gehe ich ins Training und nach dem Training esse ich dann oft noch was, vorzugsweise proteinreiches nach dem Training.

Du bist Mitglied in der V-Partei. Wolltest du von dir aus politisch aktiv werden oder ist man auf dich zugekommen?

Ich war schon immer interessiert daran, in die Politik zu gehen, nur hat mir keine andere Partei eben so ganz zugesagt. Ich war immer wieder am grübeln und überlegen, wo ich hingehen könnte, aber so wirklich überzeugt hat mich dann keine Partei. Dann habe ich von der Gründung der V-Partei gehört und bin mit dem Vorsitzenden in Kontakt getreten und dann war ich eigentlich schon von Anfang an dabei.

Was würdest du gerne verändern und wie kannst du mit der Partei politisch Einfluss nehmen?

Ich würde mir vor allem wünschen, dass die ganzen Mastbetriebe einfach geschlossen werden. Weil das einfach unwürdige Bedingungen sind, denen die Tiere da ausgesetzt sind. Jeder Mensch könnte theoretisch seinen Teil dazu beitragen. Es ist eigentlich total einfach, vegan zu leben. Man kann damit einfach schon so viel Gutes der Menschheit, der Umwelt und den Tieren tun. Ich finde, dass jeder sich da ein bisschen Gedanken drüber machen sollte, sich informieren. Schulen sollten das aufgreifen. Viele wissen es einfach nicht, was da passiert. Ich wusste es auch nicht, wieviel Leid das letztendlich wirklich auslöst. Die Trinkwasserverschmutzung, der CO2-Ausstoss, die Regenwälder – es gibt so viele Gründe, warum man auf Fleisch verzichten sollte. Es gibt so viele Ersatzprodukte und es war noch nie so einfach wie heutzutage, umzustellen.

Wie sieht deine Arbeit in der Partei aus?

Wir treffen uns öfter, wir reden über bestimmte Themen, wir bauen Stände auf, um neue Mitglieder zu gewinnen. Viel auch im Internet, weil das heutzutage ja mithin das wichtigste Mittel ist, um neue Leute zu gewinnen. Wir sind noch im Aufbau. Ich leite mit einer Freundin die Jugend der Partei, da sind wir gerade stark am wachsen. Wir freuen uns über jeden, der Mitglied wird.

Macht es Spaß?

Ja, das macht auf jeden Fall Spaß. Das sind auch alles nette Leute. Wir verstehen uns alle untereinander super gut. Wir haben alle dasselbe Ziel und deshalb klappt das auch ganz gut.

Hast du das Gefühl, es wächst schnell, eure Arbeit findet Anklang?

Ja, auf jeden Fall. In dem halben Jahr, in dem es die Partei schon gibt, sind unheimlich viele neue Mitglieder dazugekommen. Sehr viele Leute haben Interesse daran, z.B. einige, welche anfangs Fleisch gegessen haben oder immer noch Fleisch essen, aber umstellen möchten oder wissen, dass es das Richtige ist. Bei denen das Wissen da ist, aber das Bewusstsein noch ein bisschen Zeit braucht. Viele von diesen Menschen sind auch zu uns gekommen und finden die Idee von Grund auf sehr richtig, aber brauchen einfach noch ihre Zeit, wie sie wahrscheinlich die meisten gebraucht haben. Wir zwingen ja auch niemanden dazu, von heute auf morgen vegan zu leben. Aber allein dieser Grundstein, dass man weiss, dass es der richtige Weg ist und dass man damit viel Gutes tun kann, ist schon mal ein großer Schritt.

Kannst du mir ein paar wichtige Punkte aus eurem Parteiprogramm nennen?

Die größten Punkte in unserem Parteiprogramm sind der Umweltschutz, die Tierrechte und die Menschenrechte. Ein paar Beispiele für Ziele, die wir in naher Zukunft erreichen möchten, wären beispielsweise, die Mehrwertsteuer von Pflanzenmilch auf 7% zu senken. Es gibt einfach Dinge, die nicht sein können. Wie kann es sein, dass die Mehrwertsteuer von Tiermilch viel niedriger ist als die von Pflanzenmilch? Wir wollen die Aufklärung weiter fördern, viele Leute darauf aufmerksam machen. Wir sagen nicht, dass wir von heute auf morgen Mastbetriebe schliessen können und das wird auch nicht so einfach sein, aber die Aufklärung ist schon mal ein großer Schritt. Leute dazu zu inspirieren, sich vegetarisch oder vegan zu ernähren oder darauf zu achten, wo das Fleisch herkommt. Wenn wir dadurch ein paar Leute gewinnen und unterstützen und damit ein paar Menschen- und Tierleben retten, dann ist das schon mal ein großer Erfolg für uns.

Vielen Dank für diese tolle Arbeit. So viel zu deinen politischen Zielen. Wie sehen deine sportlichen Ziele in Zukunft aus?

Ich möchte auf jeden Fall noch weitere Titel sammeln, ich möchte weitermachen. Ich weiss, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich möchte noch mehr die Schiene professionelles Kickboxen fahren, möchte mich auch beim reinen Boxen versuchen, erstmal natürlich im Amateurbereich. Ich freue mich über jede Gala oder jeden Kampf, den ich antreten darf.

Mein größter Wunsch wäre die Teilnahme an Olympia als erste deutsche Boxerin, weil sich bisher noch keine deutsche Frau für Olympia qualifiziert hat. Ich weiss, dass es schwer wird und es wird eine lange Vorbereitungsphase, aber ich werde dran bleiben und es auf jeden Fall versuchen.

Isabella Hübner, Cheyenne Hanson, Barbara Rütting
Foto: Simone Mach

Foodmatic

 

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